Bonzenbus, Kanarienvogel und Babybus




1955 nahm meine Mutter an einer Studienreise der Innenarchitekturklasse A der Meisterschule für das Kunsthandwerk Berlin teil. Man fuhr mit drei VW Bussen.
Zitat aus dem Reisebericht: “Die Busbezeichnungen, wie sie in meinem Bericht verwendet werden sollen, sind: BvB oder Bonzenbus mit der Reiseleitung, Kanarienvogel, der grüne Bus unter Herrn H. und der Babybus mit Heinz S. als Kapitän.” Der Bonzenbus ist ein Samba mit Panoramafenstern und Rolldach. Vorne steht hier anstelle des VW-Signets nicht “MOCBA”, wie ich (ziemlich irritiert) zunächst dachte, sondern “MOSAIK”, der Name einer Reisefirma in Berlin. Alle drei sind natürlich zweifarblackiert, der Kanarienvogel vermutlich sandgrün/palmgrün, die anderen beiden wohl siegellackrot/kastanienbraun.
Man fuhr von Berlin aus in 12 Tagen 2600 km quer durch Deutschland, schlief teilweise im Bus, teilweise in Jugendherbergen oder billigen Hotels, natürlich ohne Buchung. Ein Zitat klärt das Niveau der Ansprüche: “Am Abend gibt es Nudeln und Tee. Die Gemeinschaft ist sich einig, dass sie am nächsten Tag Kartoffeln essen will.”
Besichtigt wurden sowohl klassische Architekturdenkmäler wie der Kölner Dom oder die Residenz in Würzburg, als auch Beispiele moderner Architektur: die Weissenhofsiedlung, das Bundeshaus in Bonn (1933 als pädagogische Akademie erbaut) oder auch die gerade vollendete Okertalsperre.
Soweit ich sehe, war meine Mutter die einzige Frau in der Gruppe, cool wie immer. Aber ihr Freund (und späterer Ehemann) Achim war ja mit dabei.
Alle Bilder im Album strahlen eine wunderbare, gut gelaunte Ruhe und Gelassenheit aus. Erstaunlich, wie “leer” Deutschland damals auch im Westen noch war.
Man beachte, wie die Busse für die letzte Etappe geschmückt worden waren!

(Ich schreibe das und bin dabei so gerührt von der Bescheidenheit und dem Optimismus dieser Leute, dass mir fast die Tränen kommen…)

Text und Bilder: Christoph Reichelt