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Reisetagebuch. Unser Dicker.




5.4.1956 bis 17.4.1956:
Rundreise mit den Hindenburgs zum Stoffkauf, Information und Besichtigung.

In den 1950er Jahren arbeitete meine Mutter als Musterdirectrice und Assistentin der Geschäftsführung bei Lisa Blusen. 1956 durfte sie ihre Chefin, (geb. Hüppe) und ihren Mann (Herrn Hindenburg) auf einer großen Europa-Rundreise begleiten.

Anfang der 50er hatte meine Mutter im Ostteil Berlins gelebt und war täglich mit einer Sondergenehmigung in den Westteil der Stadt gefahren, um an der Modeschule lernen zu können. Als die Grenze immer undurchlässiger geworden war, hatte sie sich eines Tages entschlossen, im Westen zu bleiben – mit einer Handtasche als einzigem Gepäck. Da das den Tatbestand der Republikflucht erfüllte (den es seit 1952 und nicht erst mit dem Bau der Mauer gab) konnte sie nicht mit dem Auto via Transit reisen, denn sie wäre an der Grenze sofort verhaftet bzw. festgehalten worden. Deswegen flog sie von Berlin (Tempelhof) nach Hannover und wurde dort von den Hindenburgs eingesammelt.

Es gibt ein auf dünnes Durchschlagpapier getipptes Reisetagebuch.

Die Strecke:
(Berlin) – Hannover – Arnheim – Utrecht – Amsterdam – Den Haag – Rotterdam – Haarlem – Antwerpen – Brüssel – Valenciennes – Péronne – Paris – Lyon – Orange – Saint-Raphaël – Cannes – Nizza – Monaco – San Remo – Genua – Milano – Lugano – Bellinzona – Göschenen – St. Gallen – Bregenz – Lindau – Hannover – (Berlin)

Gefahren wurde, soweit ich sehe, mit einem grauen Mercedes 220S (W180), dem sogenannten “großen Ponton” – hier genannt “der Dicke”.

Zitat aus dem Bericht vom letzten Tag der Reise, dem 17.4. (Bregenz – Hannover):
“Die deutsche Landschaft und die sauberen Ortschaften gefallen mir jetzt wieder ausgezeichnet. Wir fahren durch Ulm und Stuttgart. Es regnet und im Wald liegt Schnee. Zeitweise schlafe ich. Wir fahren 140 KM [gemeint ist km/h]. Die Straße ist glitschig und wir überholen laufend andere Wagen. Oft haben wir vor uns Idioten, die auf der linken Seite fahren und trotz anhaltenden Hupens sich nicht rechts einordnen. 2 schwere Unfälle mit LKW auf der Autobahn vor Frankfurt. Wir rasten in einer eleganten, modernen Raststätte kurz vor Darmstadt mit Ruheräumen und Telefonzentrale. 250 Km in 2 Std sind wir gefahren.

15.45, Weiterfahrt, nachdem wir den Flug in Hannover gebucht haben. Es schneit und wir fahren wie die Teufel am 3. Unfall vorbei. Hinter Kassel sehen wir den 4. und 5. Unfall. Ein PKW völlig ausgebrannt. Es ist Glatteis. Bei Göttingen ist die Straße trocken und besser. Wir fahren 160 Std./Km [km/h]. (…) Wir sind heute 760 Km gefahren und die ganze Reise etwa 4700 Km. (…)

Am nächsten Tag bekomme ich dann berichtet, daß Fam. Hindenburg noch eine kleine Panne auf der Autobahn im Osten hatte. “Unser guter “Dicker” ist nun zum Schluß noch etwas beschädigt worden.”

Eine Irrsinnstour, die ich auch heute nicht unter diesen Bedingungen machen wollen würde, erst recht nicht mit Diagonalreifen.

Handschriftlicher Nachtrag auf den letzten Blatt des Typoskriptes:
“Sonntag, d. 6 Mai höre ich im Radio Friedrich Luft von den Filmfestspielen in “Cannes”. Er schwärmt von der Schönheit des Frühling u. des Lebens zu der Zeit der “großen Kirmes” in Cannes. Er kann die Herrlichkeit dort zu dieser Zeit zu leben nicht beschreiben. Ich stelle mir alles so vor und bin voller Sehnsucht!”

Werbefilm Mercedes-Benz 220S

Text und Bilder: Christoph Reichelt

Abgelegt am 17. Januar 2012
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